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Die Sommerpause

(rs) Für manche ist es die viel zu kurze Zeit des alljährlichen Urlaubs, für andere die wohl längste Pause der Welt. Und tatsächlich: Musikalisch gesehen verzeichnet diese Zeit der Sommerferien und bläserischen Untätigkeit im schlechtesten Fall über 1,8 Mio. halbe Pausen. Dabei wurde ein den Temperaturen angepasstes sommerlich gemäßigtes Tempo von ca. 40 Halben pro Minute zugrunde gelegt. Ein Tempo übrigens, welches für Konsumenten von Flaschenbieren nahezu unerreichbar sein dürfte.

Dass man diese Pause nicht mehr an den Fingern der Hände aller Bläser seiner Stimme abzählen kann, ist klar. Allerdings versagen in diesem ganzen besonderen Falle auch die üblichen Bläsertricks wie zum Beispiel die Steuerung des eigenen Spiels durch visuelle Koppelung mit dem des Sitznachbarn. Schließlich verliert man über diese lange Sommerzeit auch schon mal den Blickkontakt untereinander. Ein Phänomen, welches während normaler Proben so nur aus dem akustischen Bereich bekannt ist.

Lösungsansätze für dieses Problem sind noch in der Erprobungsphase. So können beispielsweise zum Einsatz zeitgleiche Anlässe definiert werden, die die Chance auf ein pünktliches Erscheinen der Bläser erhöhen. Dafür kommt etwa ein Grillabend in gemütlicher Runde in Frage, welcher dafür sorgt, dass der Blaskörper mit mehr als nur dem musischen Sinn sich dieses Ereignis einprägt. Diese Methode stößt jedoch schnell an ihre Grenzen. Fehlt etwa die Zeit, um die Geschmackssinne ausgiebig zu reizen, muss man sich wiederum auf die Bläser verlassen und, noch schlimmer, auf die gegrillten Leckereien verzichten.

Eine andere Möglichkeit ist die Bildung von Zweckgemeinschaften. Sind etwa mehrere Verwandte ersten Grades im selben Chor aktiv, so kann das Problem des fehlenden visuellen Kontaktes während der Sommerpause im besten Falle stark abgeschwächt werden. Allerdings sind dann langfristig weitergehende organisatorische Maßnahmen zu treffen, wie die Planung der Nahrungsaufnahme nach sonntäglichen Einsätzen, fehlt doch die Küchenvorlaufzeit. Dies kann jedoch durchaus positive Effekte auf das lokale und regionale Gastronomiegewerbe haben. Also ist hier eine gesamtwirtschaftliche Denkweise angebracht. Außerdem soll an dieser Stelle der Hinweis auf mögliche Nebenwirkungen nicht verschwiegen werden: Die weitere Verschmelzung der persönlichen Freizeitgestaltung mit engeren Verwandten oder sogar Verheirateten kann auf Dauer und einigen Umwegen schließlich dazu führen, dass der Kontakt während der Sommerpause mittelfristig eher stagniert. Es scheint hier ein Teufelskreis vorzuliegen, bei dem es das kleinere Übel abzuwägen gilt.

Nun stellt die Sommerpause aber nicht nur für den Bläser eine außergewöhnlich hohe Beanspruchung dar, sondern auch für das Material. Während die gemeine Zugposaune ihren Gelegenheitsbläser nur selten vor kompromittierende Situationen stellt, kämpft der Trompeter des öfteren mit seinem Instrument um seine Bewegungsunwilligkeit. Retten kann hier die feste Behauptung, das Instrument wolle nur zurück seinen Wurzeln. Nun kannte die Naturtrompete tatsächlich keine beweglichen Teile. Allerdings ist der Wert solch traditionsbewusster Ventilinstrumente unter Laien wie Profis wenig umstritten.

Lösungsansätze für derart mechanische Probleme sind denn auch eher im handwerklichen Bereich zu finden. Weicheier versuchen sich mit warmem und heißem Wasser sowie Öl und Fett. Sie trauen sich nicht, richtig Hand anzulegen und ziehen mit Papiertaschentüchern, im besten Fall mit Stofftaschentüchern an Stimmzügen. In wenigen unsagbaren Fällen finden extra für solche Fälle gebaute Werkzeuge Anwendung wie beispielsweise ein "Mundstückabzieher". Ganz zu schweigen von denen, die keiner kennt oder kennen will, welche den Instrumentenbauer ihres Vertrauens aufsuchen.

Versierte Heimwerker packen dagegen beherzt selbst zu und greifen zu Hammer, Zange und Schneidbrenner. Diese traditionellen Werkzeuge leisten hier oft gute Dienste - mit deutlich erkennbarem Arbeitsfortschritt meist finalen Charakters. Nach getaner Arbeit und einem geringen Wiedererkennungswert sollte das Instrument zunächst bis Ostersonntag liegen gelassen werden. Dann ist die Wahrscheinlichkeit für ein passendes Wunder am größten.

Auf die Abgabe in eine Posaunenpension kann verzichten, wer sein Instrument während der Urlaubszeit entsprechend lagert. So kann das Instrument in einer Art Frischhaltebecken in entsprechender Flüssigkeit konserviert werden, um dann kurz vor dem nächsten Einsatz wieder völlig funktionstüchtig in Betrieb genommen werden zu können. Das Rezept ihrer Emulsion verraten Puristen allerdings nicht. Auch wenn Kompositionen wie die "Wassermusik" gegenteiliges erahnen lassen, handelt es sich dabei jedoch nicht um reines Wasser. Ganz entscheidend seien insbesondere die Zusätze, meinen Szenekenner. Diese, meist in homöopathischer Dosis hinzugefügten Additive sollen sich besonders positiv auf Aussehen und Funktionsfähigkeit auswirken, sowohl von Bläser als auch Instrument. Dringend abgeraten wird jedoch davon, das Instrument mit zu heißer Flüssigkeit in Berührung kommen zu lassen. Anderslautende Empfehlungen gibt einzig der "Verband überbeanspruchter Tubistenbandscheiben" ab.

Bei der Trompete bieten sich eventuell "Ghostvalves" an. Bei dieser Erfindung aus Amerika sind die Drücker für die Ventile unabhängig von deren Geläufigkeit an einem extra Gelenk beweglich aufgehängt. So kann der gewiefte Bläser selbst bei völlig festen Ventilen zumindest optisch eindrucksvoll musizieren. Eventuell steigt er sogar zum Stimmführer auf, wenn er denn alle Töne richtig greift und seine Mitspieler dies anerkennend bemerken. Nicht lange danach wird ihm wahrscheinlich auch sein zurückhaltendes und chorisches Spiel zu Gute gehalten. Zurückhaltung sollte der Betroffene allerdings wirklich zeigen, wenn er mit dem Gedanken spielt, damit anzugeben, auf allen möglichen Griffkombinationen den gleichen Ton spielen zu können. Für den Solistenposten reicht dies dann nämlich nur bei Naturtrompetenwerken in geeigneter Tonart.

Wer schon einmal den zarten Klängen des Blechbläserhimmels auf Erden lauschen durfte, nimmt auf den ersten Blick an, dass die Anzahl der Instrumente, die man bei einem Konzert vor sich stehen hat, proportional zum Erfolg des Ensembles sein muss. In diesen Kreisen sind Instrumente jedoch schon längst kein Statussymbol mehr oder etwa dazu da, die vielfältigen Komplexe zu kompensieren. Vielmehr stellen sie die Versicherung der Musiker gegen unverhoffte Ventilklemmer und Zugkratzer dar. Einschlägige und erfahrene Blechblasinstrumentenhändler haben den lange geahnten Luxustrend bestätigt: Sowohl im Profi wie auch im Laienbereich geht der Trend eindeutig zum Zweitinstrument. Denn auch hier gilt im Zweifelsfalle: Mit dem Zweiten spielst Du besser.

Falls nun das Instrument wirklich gegen jeglichen Reparaturversuch resistent ist, schließlich nur noch ideellen Wert hat und auch Ostern ohne nennenswerte Ereignisse vorübergegangen ist, bleibt noch eine kleine Hoffnung. Erstmals zum diesjährigen Kirchentag hat der EPiD die Initiative "Die letzte Ehre" gestartet. Ziel ist es, ausgemusterten Instrumenten ein letztes Gnadenbrot zu geben. Dazu werden sie beim jeweils nächsten Kirchentag ehrenvoll über den EPiD-Ständen platziert. Hier wird die Leistungsgesellschaft einmal völlig ausgeklammert. Eine Gesellschaft, in der es gilt, perfekt zu sein, ständig zu glänzen und hundertprozentig zu funktionieren. Auf dem EPiD-Friedhof sind alle gleich.

Bleibt also, allen Bläserinnen und Bläsern eine schöne Sommerzeit sowie gutmütige Ventile zu wünschen. Doch die meisten haben in dieser Sache ohnehin bereits Erfahrung sammeln können, denn getreu der nach den Sommerferien bläserisch nahenden Vorweihnachtszeit heißt es auch bei hängenden Zügen und klemmenden Ventilen wie so oft im Leben: "Alle Jahre wieder!". Obwohl, es gibt auch Instrumente und Bläser, die antizyklisch agieren. Aber das ist wieder eine andere Baustelle.

 


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