Silhouette der Michaeliskirche Hildesheim

Aus der Entfernung umso schöner

Bläser erreichen neue Bestweite

Alle Jahre wieder treffen sich die Bläserinnen und Bläser am letzten Tag des Jahres in der Michaeliskirche, um sich um 17 Uhr zunächst für etwa 2 Stunden einzuspielen. Auch dieses Jahr war dieses Vorspektakel wieder gut besucht, gewohnt professionell vom Organisten H. musikalisch und vom Ehepaar G. geistlich geführt sowie von Küster S. stimmungsvoll ausgeleuchtet. Nachdem alle Lippen auf Betriebstemperatur gebracht worden waren, erklommen Bläser für Bläser die genau 111 Stufen (+/- 90) zum östlichen Vierungsturm und machten sich auf die Suche nach der optimalen Turmblasposition. Als schließlich auch der Trainer und Chorleiter eintraf, wurden dann Weihnachtschoräle über das im abendlichen Dunkel - und bis dahin in friedlicher Stille - liegende Hildesheim geschickt.

Dabei wurden auch ungewohnte und nur unter großer körperlicher Anstrengung durchführbare Positionen eingenommen, so sie denn für das Gesamtergebnis ausreichend erfolgsversprechend schienen. Das hierbei ein ganzes Konvolut an sich diametral entgegenstehenden Anforderungen berücksichtigt werden musste, zeigt ein Auszug aus der kurzen Motivationsansprache von Chorleiter H.: "Zielt auf das Fenster; immer ein Auge auf die Noten und eines auf die Vorzeichen; immer ein Ohr für euch und eines für die Nachbarn; haltet die Instrumente am besten zum Fenster hinaus, aber auch gut fest; möglichst fünf Bläser pro Fenster, besser zehn; und immer ein Auge zu mir und ein Ohr auf den Gesamtklang. Bläser, schaffen wir das?" "Jo, wir schaffen das!" Nachdem die vermeintlich beste Aufstellung gefunden war, ging es trotz kleiner Positionsrangeleien los. Die ungewohnt guten Witterungsbedingungen ließen Großes erwarten.

In gewohnt sicherem Umgang mit dem Spielheft wurden die Positionen abgearbeitet: Nr. 24 mit gelungenem Auftakt, Nr. 27 erfreulich schwungvoll, Nr. 30 thematisch hervorragend passend ("mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht."). Im Mittelfeld spielten die Nummern 35 und 39 noch eine entscheidende Rolle, bevor schließlich mit "Nun danket alle Gott" mit einem fünfstimmigen Bläsersatz der Zieleinlauf erfolgte.

Szenenapplaus gab den Bläserinnen und Bläsern eine erste Rückmeldung über die erbrachte Leistung. Glücklicherweise konnten aber einige der Zuhörer über ihre ganz persönlichen Erlebnisse berichten. So erklärte W., sie hätte während der Turmmusik - aus organisatorischen Gründen - das Weite gesucht und sei die Burgstraße hinabgeschritten. Dabei hätte die Darbietung mit zunehmender Entfernung durchaus an Eindruckskraft und Schönheit gewonnen, ohne dass sie dabei nennenswert an Schalldruck eingebüßt hätte. Und E. aus H. an der I. äußerte voller Begeisterung, dass sie, gerade aus der Basilika St. Godehard kommend, die Bläserklänge bereits in Höhe des Bernward-Krankenhauses hätte vernehmen können. Die Bläserinnen und Bläsern sind damit selbst in rund 805 m Entfernung (+/- 347 m) noch zu hören.

Die Ausführenden selbst zeigten sich ob derartiger Rückmeldungen im Anschluss an den Einsatz überrascht: "Ich hab ja alles gegeben, aber dass es heute für dieses Ergebnis reicht, 805 m, Wahnsinn!", hechelte der Posaunist am Westfenster auf Nachfrage, noch immer völlig außer Atem. Die Trompeterin am Trillerfenster Süd schafft sogar schon erste Analysen: "Ich habe zunächst lange Zeit hinten gelegen, konnte dann aber kurz vor Schluss noch ein paar Takte aufschließen, so dass beim Abwinken des Dirigenten der Schlussakkord schon in Sichtweite war. Dass es dennoch für meine persönliche Bestweite reichte, ist umso erfreulicher." Entgegen der landläufigen Wohnzimmermeinung, dass es egal sei, wo der Tiefbass aufgestellt wird, wurde die Tuba auch dieses Jahr wieder mit auf den Turm genommen. Nach harten Konditionstraining gelang es dem Tubisten, die Schallaustrittsöffnung optimal auszurichten und so zu der beeindruckenden Teamleistung beizutragen: "Nur dank meines ausgefeilten Trainingskonzeptes war es mir schlussendlich möglich, in dieser Höhe so tief zu spielen. Und meiner 2D-Brille ist es wohl zu verdanken, dass es auch mit der Weite so gut geklappt hat", sinnierte R, der mit 5,20 m (+/- 3 m) das längste Metallrohr auf den Turm befördern musste.

Alles in allem ein sehr gelungener Jahresabschluss, bei dem alle mit der gebotenen Leistung zufrieden sein können. Das brachte Trainer und Chorleiter H. dann auch noch deutlich zum Ausdruck: "Glückwunsch, so schön haben wir hier oben noch nie gespielt!". Und so geht es in eine neue Saison, an deren Ende wieder die gleiche Veranstaltung stehen wird. Und für die denkt Tubist R. schon über weitere Verbesserungen nach: "Wegen des großen Abstrahlwinkels meines Instrumentes passiert es mir ab und an, dass ich versehentlich die Wand anspiele. Hier muss ich noch an mir arbeiten. Aus Furcht vor dem biblischen Jericho-Effekt, der bekanntlich destruktiv auf Mauerwerk wirkt, werde ich bis dahin meinem Team das Tragen von Schutzhelmen empfehlen." Freuen Sie sich also auf ganz besondere Bilder im nächsten Jahr. Bis dahin müssen diese reichen: Fotos

 


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